Dann geb ich auch mal meinen Senf dazu. Eine Einschätzung mehr zum Coronavirus, das die Welt gerad so in Atem hält. Und durchatmen können wir hier derzeit auch nicht, zu angespannt ist die Lage, zu ungewiss die Situation. Außerdem: Atmen mit Maske ist eh kein großer Spaß! Die tragen wir nämlich, sobald wir aus dem Haus und unter Menschen gehen. Wobei man momentan im Grunde gar nicht unter Menschen gehen kann – es sind nämlich keine da.

Shanghai gleicht einer Geisterstadt und das fühlt sich ganz merkwürdig an. Wer all die Menschenströme, die dicht gedrängten Fußgänger, die vollen U-Bahnen und überfüllten Straßen und Läden gewöhnt ist, der erkennt die Stadt gerade nicht wieder. Wie ausgestorben wirkte sie, als wir uns vor einigen Tagen auf den Weg in Richtung Zentrum machten. Fünfzehn Minuten fuhren wir zu Ikea, für die Strecke brauchen wir sonst locker 45. Der Möbel-Schwede hatte auf und das gefühlt einzig für uns. Im Burger-Restaurant am Tag darauf hatten wir nach zehn Minuten unser Essen und waren -außer einer anderen ausländischen (!) Familie die einzigen Kunden. Das klingt jetzt vielleicht so, als würden wir’s so richtig genießen und entspannt durch die Stadt manövern. Tatsächlich sind wir zurzeit fast nur zu Hause (unserem oder dem von Freunden). Denn so richtig geheuer ist es uns nicht. Und raus müssen wir gerade ja auch nicht, denn wir sind im „Zwangsurlaub“.

Diese Woche hatte ganz China ohnehin Urlaub – die Feierlichkeiten für das Chinesische Neujahr standen an. Das ist die Zeit, in der Millionen Chinesen in ihre Heimat fahren, um mit ihren Familien zu feiern. Für viele ist es überhaupt die einzige Zeit im Jahr, in der sie die Familie sehen. Eine wichtige Zeit also, in die nun ausgerechnet der Corona-Ausbruch fällt. Und mitten hinein in diese Ferienwoche platzten dann immer neue Infektionszahlen, Ausbreitungsraten und Details zu betroffenen Provinzen. Und dann die Nachricht, dass alle Schulen, Unis und Kindergärten nicht am kommenden Montag wieder starten würden, sondern erst am 17. Februar. Stand jetzt. Auch Firmen haben ihren Mitarbeitern Zwangsurlaub verordnet und so wurden aus einer Woche Ferien für die Kids mal eben drei, für Alex gute zwei.

Inzwischen sind auch sämtliche Sightseeingspots der Stadt, Kultureinrichtungen wie Theater und Kinos, Vergnügungsparks und viele Restaurants und Läden dicht. Ehrlich, wenn du hier bei Starbucks vor verschlossener Tür stehst, dann weißt du, es ist ernst. In den Läden, die geöffnet sind, stehen Desinfektionsmittel bereit. Von wilden Hamstereinkäufen habe ich noch nichts bemerkt und bislang bekommen wir alles, was wir so brauchen.

Einige Familien aus unserem Umfeld sind nach Deutschland ausgereist, viele Kollegen von Alex haben ihren Urlaub in Vietnam oder auf den Philippinen verlängert und beobachten von dort, wie sich die Situation hier entwickelt. Wir haben uns erst einmal gegen die Ausreise entschieden und machen gerade einfach das Beste aus der Situation. Mit jeder Menge Brettspielen und Lego-Aufbauten, mit Disneyfilmen, viel Trostschokolade und massig Wein zum Desinfizieren von innen. Allen, die sich um uns Sorgen machen sei gesagt: Wir fühlen uns sicher und fühlen uns über diverse (westliche und chinesische) Quellen gut informiert. Das Herausfiltern der wichtigen Infos aus den täglich eingehenden tausenden Nachrichten in diversen WeChat-Chatgruppen ist zwar nervig, aber über zu wenig Informationen können wir uns nicht beschweren. Nachdem viele Chinesen sich zuletzt kritisch über das Handling der Situation in Wuhan geäußert haben und verschiedene Memes die WeChat-Runde machten, haben die Behörden inzwischen die Daumschrauben wieder angezogen und Strafen auf die Verbreitung falscher Informationen erlassen.

Wir beobachten also die Situation und schauen, wie sie sich mit der Rückreisewelle entwickelt. Hoffen wir darauf, dass wir alle eine Atempause bekommen. Und den Mundschutz bald einmotten können.

 

Über unser Leben in Quarantäne hat auch der Donaukurier berichtet.

 

 

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3 Kommentare zu “2019-nCoV – Von Sorgen und Zuversicht

  1. Hallo Katha, schön zu lesen das es euch trotz der „Einschränkungen“ gut geht!
    Und auch ich muss hier ein dickes Lob an die Schreiberin abgeben! Deine Berichte sind super geschrieben und sehr sehr schön zu lesen! Da will man natürlich mehr von haben . Liebe Grüße aktuell aus Chile von Andrea mit Felix ( dem nach 4 Wochen die Kinderquelle auch schon fehlt )

    1. Liebe Andrea, wie schön, dich zu lesen! Und wie schön, sich hier wiederzutreffen. Danke für das Lob. Balsam für die Schreiberseele 🙂 Nach wie vor geht es uns gut, obwohl die Restriktionen gefühlt anziehen und der Radius kleiner wird. Ich bin noch immer relativ entspannt, aber die Nervosität steigt schon ein bisschen. Wahrscheinlich, weil die Ausreisewelle jetzt den engeren Kreis betrifft. Schon verrückt alles. Was treibt ihr in Chile? Ist ja großartig, steht seit Jahren auf meiner Liste!! Liebe Grüße zu euch!

      1. Hallo Katha,
        Wir haben uns eine Familienauszeit genommen und sind jetzt 4 Wochen in Argentinien und Chile herum gereist. Buenos Aires, dann Süden Argentinien, und Chile vom Süden bis Santiago de Chile. Alles mit dem Rucksack und zu 90% mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein schon wahres Erlebnis. Viel Land und Leute. Und beide Länder kann ich nur empfehlen. Die Natur ist unbeschreiblich und die Leute alle super nett. Wir sind seit heute wieder zu Hause aber werden erst wieder Ende Februar das arbeiten beginnen. Ich muss sagen ich verstehe deine Gedanken einer Rückreise. Nicht zu letzt weil wir unsere Reise hier leider auch vorzeitig beenden mussten. Allerdings ohne einen schlimmen Hintergrund nur reist es sich nach Kreditkarten Verlust äußerst schwierig . Es ist auch in Südamerika die Angst vor dem Virus zu spüren. Nicht nur an den Flughäfen geht man asiatisch aussehenden Menschen aus dem Weg. Leute rennen ( Sinn befreit) mit einfachen Opmasken herum um sich nicht anzustecken. Aber die offiziellen Amtsträger zum Beispiel die Zollbeamten am Flughafen haben richtige Schutzausrüstung, das wirft dann schon Gedanken auf bei einem Land mit noch keinem einzigen bestätigtem Erkrankungsfall.
        Ich hoffe das ihr es euch weiter gut gehen lassen könnt trotz der äußeren Umstände und den für euch richtigen Weg geht! Sollten wir euch auf welche Weise auch immer unterstützen können lass es mich wissen. Liebe Grüße Andrea

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