Beijing! Unser erster Trip. Nachdem wir uns in Shanghai super eingelebt und viele Ecken der Stadt schon erkundet hatten, wollten wir also damit beginnen, das Land zu entdecken. Denn China ist groß und drei Jahre schnell rum.

Im April war Qingming-Fest und uns stand ein langes Wochenende bevor. Trotz aller Warnungen davor, an chinesischen Feiertagen zu verreisen, wollten wir unbedingt raus. Und dachten noch: Wie schlimm kann es schon sein? Tja. Unterwegs in China, wenn alle Chinesen ebenfalls auf die Idee kommen, den Feiertag zu nutzen? Tut. Es. Nicht.

Denn das Ende der Geschichte ist: Wir haben von Peking nichts gesehen. Und hatten trotzdem eine bomben Zeit! Was uns das Wochenende gerettet hat, waren der Hotelpool – und die Hotelbar. Und was uns mit dem Trip versöhnt hat, war der Besuch der Großen Mauer. Denn ja, die ist atemberaubend und fantastisch und zu sehen, wie die Kids sie sich eroberten, Stufe um Stufe, Aussichtsturm um Aussichtsturm war großartig. Und Alex‘ Geburtstag mit zuckerschweren Lemon-Cupcakes darauf zu feiern, war besonders.

Der Anfang der Geschichte geht allerdings so: Am Bahnhof hatten wir einen ersten klaustrophobischen Schock während wir uns durch die Massen zwangen und wünschten kurz, wir hätten auch diese „Kinder-Leinen“, mit denen viele Chinesen hier ihre Kids helikoptern. Zumindest danach konnten wir aufatmen. Der Zugang zum unterirdischen Gleis, an dem der neue Schnellzug, der uns mit 350 km/h nach Peking brachte, bereits wartete und in den nur Menschen mit Sitzplatzreservierung einstiegen, war perfekt organisiert. Die Massen zu lenken, das funktioniert hier gut. Die Fahrt bot an Komfort und Service all das, was deutsche Bahnfahrer irgendwo im Nirgendwo zwischen München und Berlin vermissen. Ich dachte kurz an den Hannoveraner Hauptbahnhof mit seinen dreißig Zentimeter „breiten“ Bahnsteigen und war froh, nicht dort zu stehen. Hier ist einfach alles um Dimensionen größer, neuer, krasser. Wir alle wissen, auf wessen Kosten diese Großprojekte geplant und realisiert werden. Und wir wollen sicher keine Menschen in Thüringen zwangsumsiedeln, damit wir ein paar neue Gleise quer durch ihren Ortskern ziehen können. Aber was hier städtebaumäßig und infrastrukturell gerade passiert, ist wahnsinnig. Und es ist wahnsinnig, das so direkt mitzuerleben. Und manchmal ist es angsteinflößend, ganz besonders, wenn wir das mal zwanzig Jahre weiterdenken.

Zum Glück war die Fahrt also entspannt, denn unsere Ankunft war es nicht. Weiter ging’s, das Chaos. Zum selbstgewählten Reisestress gesellte sich nun auch noch Pech: Unser Air BnB war ein Griff ins Klo und weil wir keine Lust auf Kompromisse hatten, ging es einfach ins nächstbeste Hotel. Also ins nächste. Und beste. Durchatmen. Ankommen. Und Abendessen – denn der erste Tag war rum. Was hatten wir gesehen? Nicht so richtig viel. Der nächste Morgen kündigte weiteres Pech an. Die Luft war mies. So richtig mies. Unsere App zeigte lila und das liegt auf der Skala weit jenseits von Gut und Böse. Tatsächlich hatten wir so schlechte Luft bisher noch nicht gehabt und ich tracke die Luft nicht obsessiv, aber doch regelmäßig.

Die Skala dafür ist ziemlich logisch: Grün? Super. Schwierig selbst in manch deutscher Großstadt regelmäßig zu erreichen. Gelb? Voll okay. Wir freuen uns über gelb. Orange? Naja, was soll’s, es muss ja. Leben und so. Rot? Wir schenken uns den Spielplatz. Und lila? Bei lila Werten brauchst du keine App. Da schaust du raus und weißt direkt, dass du besser drinnen bleibst. Und mit Kindern sowieso. Wir wollten kein Risiko eingehen, auch wenn das bedeutete, dass wir nochmal nach Peking fahren werden. Um auch was zu sehen.

Aber wer Reisen mit Kindern kennt, der kennt auch diese Situationen. Und um Pläne umzuschmeißen und „Must Sees“ von der eigenen Liste zu tilgen, braucht es nicht mal die Smogblase über Peking, da reichen manchmal auch schon ein mieser Mittagschlaf oder die akute Unlust einer Vierjährigen. Wir kennen diese Momente von anderen Reisen und versuchen immer, flexibel zu bleiben und Verpasstem nicht nachzuhängen. (Trotzdem gibt es die Momente, an denen man es vermisst, an einem Wochenende soviel Stadt zu erleben, wie geht – und abends mit wunden Füßen ins Bett zu fallen.)

So verbrachten wir also den Freitagvormittag im Pool, den Mittag im Restaurant und den Nachmittag (die Luft wurde später zum Glück viel besser) in der Schlange zur Verbotenen Stadt. Chinesischer Feiertag halt. Und irgendwann, nachdem wir die Distanz zum Eingang und die Geschwindigkeit der voranschleichenden Menge abgeschätzt hatten, dachten wir, wir lassen’s. Und gingen an die Bar. Die Mäuse bekamen ihr Eis und waren froh, wir bekamen unseren Drink und waren’s auch. So läuft das halt manchmal.

Am Tag darauf: Geburtstag. Und Große Mauer. Und beides zusammen war -wie erwähnt- ein besonderes Erlebnis. Wir sind früh gestartet und waren oben, als kaum andere es waren. Das war wunderbar. Ein Moment zum Innehalten. Und auch die Kinder fanden es großartig und waren gelöst und guter Laune. Für den Abstieg ließen wir uns Zeit und staunten Bauklötze, als wir schließlich die Schlange am Fuß der Seilbahn erreichten. Wie zur Hölle haben es so viele Menschen diese enge, mit Reisebussen verstopfte Straße hoch geschafft? Das war rein logistisch schon irre, aus Sicherheitsaspekten geradezu abenteuerlich! Ich habe ehrlich noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen. Welcome to China. Das zeigt: Unsere Pechsträhne war scheinbar rum. Vielleicht waren wir auch einfach zu deutsch und zu gut vorbereitet. (Keine Ahnung, ob Chinesen gerne lange schlafen, aber Tourispots am frühen Morgen funktionierten bisher tatsächlich überall ganz gut für uns.) Uns war’s egal, wir hatten alles, was wir uns vom Tag gewünscht hatten.

Was also bleibt von diesem Trip? Was immer bleibt: Erinnerungen. Irgendwie schaffe ich es, das Anstrengende abzuschütteln und das Schöne zu konservieren. Die Momente, in denen man sich fragt, warum man das macht – mit Kindern verreisen und dann auch noch ein Städtetrip – zu vergessen und vor allem eines zu erinnern: Jette und Jonah, wie sie über die Chinesische Mauer hüpfen. Wie sie staunen und Jette alles fragt und fragt und alles wissen will. Warum steht sie hier, die Mauer und wie lange sind eigentlich tausend Jahre? Wie wurde sie gebaut, so ganz ohne Kran und Bagger? Und wer waren die Hunnen und was wollten die vom Kaiser? Und mittendrin ich, wie ich dastehe und staune und glücklich bin.

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1 Kommentare zu “Auf geht’s nach Peking.

  1. Wow… deinen Blog über diesen Peking-Ausflug zu lesen ist sogar noch besser, als ihn bei einer Tasse Cappuccino von dir persönlich erzählt zu bekommen
    Bin gespannt, was noch so kommt!

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