Unsere erste Heimreise. Gerade sind wir mittendrin. Und weil so wahnsinnig viel los ist (herrje – der Flug alleine mit den zwei Mäusen, die ersten Tage in Berlin, die Ankunft in der Heimat, das Wiedersehen mit lieben Menschen, all die banalen Termine, die Kinderarztbesuche und Einkäufe, dazu die großen Ereignisse, darunter Jettes 5. Geburtstag und ein überraschender Junggesellinnenabschied), dachte ich nicht, dass ich schreiben würde.

Doch dann kam Ingolstadt. Drei Tage ohne Kids im Süden hatte ich sofort auf der Planungsliste unserer drei Deutschland-Wochen. Ich wollte die Mädels treffen und in unserer Wohnung nach dem Rechten sehen. Mache ich gerade. Und muss direkt was aufschreiben.

So merkwürdig ist es nämlich, dass es raus will. Nun sitze ich hier. Mitten in der Nacht in unserem Zuhause. Und weiß nicht, wohin mit mir. Ich stehe im Kinderzimmer, die Wolkentapete da, wo Jonahs Bett gerade noch stand. Jettes Gekritzel an der Wand. Die Fotostreifen aus dem Fotoautomaten. Warum hatte ich ausgerechnet die hängen gelassen? Im Badezimmer ein wildes Sammelsurium an Putzmitteln und drei Handtücher. Und sonst? Nichts. Leere. In dieser Wohnung, die mal ein Zuhause war, die Zeuge ist von all den wunderbaren Familienereignissen der letzten Jahre und so vielen Erlebnissen davor. Leere auch in mir drin. Es fühlt sich so merkwürdig an. So vertraut und so wie immer – und doch so fremd.

Ich hatte nicht erwartet, dass nach Hause kommen so schwer sein würde. Tatsächlich ist es schwerer, als abreisen. Obwohl das eine mit Abschied und das andere mit Wiedersehen verbunden ist. Oder vielleicht auch genau deswegen. Bittersüß.

Ich habe nicht gewusst, wie sehr ich all das vermisse, bis mich das Taxi durch die schlafende Stadt fuhr – kein Auto, kein Mensch weit und breit – und mir sofort, als ich das schwere Eingangstor aufgeschlossen hatte, der vertraute Geruch in die Nase stieg. Ich war zu Hause.

Ich werde in den kommenden Tagen auf alten Pfaden wandeln und ich weiß, dass ich sie mühelos wiederfinden werde. Die tollen Freundinnen, die hier warten und mit mir genau da anknüpfen, wo wir das letzte Mal aufgehört haben. Die gewohnten Wege, die geliebten Rituale, die Stadt, die solange darauf warten musste, dass ich es schaffte, sie mein Zuhause zu nennen. Und die ich jetzt so vermisse. Und die ich dann, drei Tage später, wieder verlassen muss. Die ich vermissen werde. So wie ich – immer mal wieder – mein altes Leben vermissen werde.

Und mich gleichzeitig so wahnsinnig freue auf Shanghai. Das Haus, in dem wir gerade neue Erinnerungen schaffen. Auf die Mädels dort, die den Kreis der wunderbaren Freundinnen in meinem Leben noch erweitern. Auf betriebsames, emsiges Beschäftigtsein der Menschen, auch noch abends um halb zwölf. Auf das Gefühl, dass ich habe, wenn ich im Glanz der Lichter oder im Schatten der Hochhäuser dort im Taxi sitze. Auf diese Stadt, die gerade dabei ist, ein neues Zuhause zu werden. Ein zweites Zuhause.

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6 Kommentare zu “Bittersüß.

  1. Wunderschön geschrieben! 🙂
    Genau so, stelle ich mir das irgendwie vor. Wo wohnt ihr denn genau in Shanghai? Und wie kamt ihr in so einer Metropole an ein Haus? Liebste Grüße aus dem Süden Deutschlands 🙂

    1. Hallo Nordseeblume,
      ich danke dir für die netten Worte! Wir wohnen im Westen der Stadt, in Qingpu. Hier ist alles etwas entspannter als mittendrin und die Nähe zur Deutschen Schule war der ausschlaggebende Punkt für die Gegend. Zum Thema Haussuche mach ich die Tage gern mal einen Beitrag, viele denken immer an ein Leben im 40. Stockwerk, wenn es um Wohnen in Shanghai geht…
      Liebe Grüße auch zu dir!

    1. Bei dir auch? Bittersüß? Ist beim Heimkehren in die andere Richtung zum Glück nicht so schlimm. Und hier warte ich ja auch schon sehnsüchtig auf dich!

  2. Sooo schön geschrieben liebe Katha. Man fühlt sich irgendwie ganz nah. Fühlt mit. Ist dabei. Und hat einen Kloß im Hals, Pippi im Auge. Ich freu mich sehr von dir hier zu lesen :). Ich wusste, dass du schreiben wirst. So toll. Das Leben leben. Ganz liebe Grüße!!!

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