Während es sich zu Beginn für uns anfühlte, als wandelten wir auf Marco Polos Spuren, als seien wir Pioniere, bereit für etwas Großes, war es tatsächlich doch so: Wir kamen als vier von vielen. Das Leben in Shanghai hat natürlich wenig mit Pioniergeist zu tun. Hier treffen sich alle Nationalitäten, im Leben der Chinesen nehmen westliche Produkte und unsere Lebensart mehr und mehr Platz ein – und wenn ich meinen Kaffee in einem der Instagram-tauglichen Cafés trinke, weiß ich manchmal nicht, ob das hier nun Shanghai, New York oder Berlin ist.

Das Leben hier ist leicht. Das kann ich sagen, weil es uns leicht gemacht wurde. Denn wer wie mein Mann als Expat von seiner Firma entsandt wird, kriegt zu Beginn meist eins: Das Rundumsorglospaket. Man wird gepampert. Ganz klar. Das Abenteuer Ausland beginnt wesentlich weniger stressig, wenn einem bei Haussuche, Behördengängen und Kontoeröffnung geholfen wird. Vor allem dann, wenn die Sprachkenntnisse fehlen. Und mein Chinesisch erschöpfte sich damals mit „Nǐ hǎo!“ und „Yī ge píjiŭ, xièxie.“ Begrüßen und Bier bestellen ging also, aber allein die Frage, wo der nächste Arzt ist, hätte mich wahrscheinlich drei Tage Recherche gekostet.

Und trotzdem ist es kein Spaziergang. Viele andere erleben ihre erste Zeit in China anders. Da reicht die Gefühlslage von zu Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt – und bei manchen ändert sich das stündlich. Viele erleben auch ein mehrere Wochen anhaltendes Hoch, berauscht von all den Eindrücken, bis die Katerstimmung einsetzt, wenn sie merken, dass das eben nicht bloß Urlaub, sondern das neue Leben ist. Der Kulturschock, der manche überwältigt, blieb bei uns allerdings aus. Vielleicht waren wir einfach schon zu häufig in Asien unterwegs.

Meine Emotionskurve verläuft seit Januar tatsächlich ziemlich geradlinig. Klar, manchmal schlägt sie ein bisschen aus, in die eine oder andere Richtung. Aber das sind Momente. Die ersten zwei Tage kalt zu duschen war nicht so toll. Der erste Supermarkt-Einkauf mit Kreditkarte (Anfängerfehler!) war richtig nervig. Doch es gab so vieles, was so schnell normal war: Das Viertel rund um unseren Compound kannten wir nach einem Monat schon wie unsere Westentasche. Allein mit den zwei Kids durch die Menschenmassen der Innenstadt geschoben habe ich mich nach einer Woche. Das erste Mal knallhart verhandelt über den Preis für vier Äpfel hab ich mit der chinesischen Marktverkäuferin nach zwei Wochen. Und seit ich ein Auto habe, flitze ich die achtspurigen Highways entlang. Etwas, von dem ich nicht dachte, dass ich es wirklich machen würde.

Das heißt nicht, dass immer alles einfach wäre. Herausforderungen lauern überall. Gibt es (Verständigungs-)Schwierigkeiten mit den Chinesen? Ständig. Alltägliche Dinge, die mich hier viermal so viel Zeit kosten wie in Deutschland? Klar. Gibt es Heimweh? Immer mal wieder. Aber haben wir es bereut, hergekommen zu sein? Nicht eine Sekunde. Denn das hier ist eben doch unser Marco Polo-Moment. Wir beobachten, wir entdecken, wir lassen uns ein auf die Menschen und das Leben hier. Wir leben unser Abenteuer, unser Leben in diesem wilden Mix aus Traditionen und Hypermoderne, aus Nationalitäten, Kulturen, aus Gerüchen und Geschmäckern – aus Baozi und Schnitzeln. Wir sind angekommen.

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1 Kommentare zu “Erste Wochen in Shanghai: Die Euphoriekurve

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