19. September 2020

Da wurde sie also im Keim erstickt, unsere Hoffnung auf zwei Wochen relativ entspannte Quarantäne in den eigenen vier Wänden. Die drei Chinesen vom Nachbarschaftskomittee waren informiert worden, dass in unserem Flieger vier Personen mit Fieber saßen und zwei weitere angegeben hatten, sie hätten fiebersenkende Mittel eingenommen. Deswegen müssten wir nun in die zentrale Quarantäne. Keine Infos darüber, wohin genau wir gebracht würden. Außer: Es sei ein nettes Resort, ein gutes Hotel, wo man auch Urlaub machen kann. Keine Infos darüber, für wie lange und ob das definitiv für die gesamten 14 Tage sein würde. Die wussten gar nichts, außer, dass sie uns abholen sollten.

Was haben wir also erstmal gemacht? Wir sind mal kurz ganz deutsch geworden. Haben es versucht mit Logik. Und Argumenten. Wie viel Sinn macht das, mit anderen zusammen in einem Bus durch die halbe Stadt gefahren zu werden, wo wir doch schon hier und ohne Ansteckungspotential für Dritte sind? Wo wir doch für die Einhaltung aller Vorgaben längst unterschrieben haben. Wir haben es mit der stumpfen Nachfrage versucht, ob das denn wirklich eine bestätigte Vorgabe sei. (Denn die Chinesen klingeln natürlich nicht und sagen ‚Anordnung xy, in zwanzig Minuten geht der Bus, mitkommen‘. So höflich wie das zuging, klang das alles fast nach Angebot. Sehr chinesisch halt.) Als das deutsche „Alles-erstmal-in Frage-Stellen“ nichts brachte, gingen wir über zu deutschester Dickfälligkeit, zu einem schlichten ‚Nö‘. Versteh ich nicht, sehe ich nicht ein, wollen wir nicht. Dann hauten die erstmal ab. Dann folgten Telefonate mit der SVW-Personalabteilung, die sich zwar sofort kümmerte und auch die gesamte Zeit über für uns ansprechbar war, in diesem Moment konkret aber auch nichts machen konnte. Nach all den Danns kamen sie wieder. Immer noch chinesisch-höflich. Es sei doch unsere Pflicht und ein Dienst an der Gesellschaft. (Denn das ist die chinesische Sicht auf die Maßnahmen, die hier bereits seit über zwei Monaten knallhart durchgesetzt werden und der kollektivistischen Gesellschaft geschuldet sind, denkt man einmal an all die Deutschen, die ihre anfängliche Quarantäne in unserer individualistischen Gesellschaft und in Parks und Biergärten verbrachten). Ob man dieser Logik nun inhaltlich zustimmte oder nicht, ob man das Land und seine beinahe paranoiden Kontrollzwänge in diesem Moment verfluchte – es nützte nichts. Und auf den dritten Besuch mit Polizei wollten wir dann auch nicht warten.

Es war inzwischen null Uhr und ich packte wieder Koffer. Packte um, packte ein. Was könnten wir brauchen? Für wie lange sollte ich nun packen? Wie viel Spielzeug und Essen passen in zwei Koffer? Das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Um halb eins stiegen wir in den Bus, mit zwei übermüdeten, überforderten Kindern. Darin: Eine andere Familie (der Vater sogar ein Kollege von Alex), mit zwei ebenso übermüdeten, überforderten Kindern. Eine halbe Stunde später kamen wir im „Hotel“ an. Neue Formulare.

Neue WeChat-Gruppen. Ich wusste, dass das alles freiwillige Helfer waren. Studenten, die englisch sprachen, extra abgestellt für uns Ausländer, die hier leben, aber der Sprache immer noch nicht mächtig sind. Alles nett. Alle hilfreich. Aber ich hatte in dem Moment so einen wahnsinnigen Hass auf all die Vermummten, die uns dann auch noch trennen wollten. Auch das wieder eine eigentlich nette Geste, denn klar, vier Leute in einem Doppelzimmer war kein besonderer Spaß. Aber auch hier zeigten sich deutlich die kulturellen Unterschiede, denn für uns, die nicht wussten, was uns erwartete, was auf uns zukam und die sich nur notdürftig verständigen konnten (das Englisch unserer Ansprechpartner erschöpfte sich nämlich doch recht schnell) war der Gedanke, nun auch noch getrennt untergebracht zu werden, eine Horrorvorstellung! Zum Glück half das Sehr-deutsch-Werden hier ganz gut und kurze Zeit später waren wir auf unserem Zimmer. Es war kalt, es war feucht, es war muffig – und ich war viel zu müde, um irgendwas zu unternehmen. Also schliefen wir. Und erwachten am nächsten Morgen in der neuen Wirklichkeit. Leicht konsterniert, leicht verzweifelt, übel genervt.

Bis dahin hatte es sich soweit rumgesprochen, dass vier Expat-Chatgruppen explodierten, unsere Nachbarn und Freunde informiert waren (unser Einzug ins Hotel hatte bei VW natürlich längst die Runde gemacht) und uns Nachrichten aus Deutschland erreichten, weil wir zumindest die Familie noch schnell über die Neuigkeit informiert hatten und die auch da so ihre Kreise zog.

Nach meiner ersten Instagram-Story wurde ich dann ehrlich überrollt von Nachrichten. Dass das so viele Expats interessierte, lag wohl vor allem daran, dass diese ganze Zentral-Quarantäne neu war und die festgelegten Kriterien nicht wirklich bekannt und überhaupt nicht transparent waren. Irgendwie kannte jeder jemanden, der kurz vor der Rückkehr nach Shanghai stand und alle waren höchst nervös und hatten Fragen, die über alle Kanäle bei uns landeten. Inzwischen hat sich übrigens alles etwas beruhigt; Rückkehrer packen schon ihr normales Gepäck für den Quarantänefall und sind mental auf die Isolation und Unterbringungszustände vorbereitet. Wir waren einfach der Testballon für alle und von allem schlichtweg super überrascht.

 

So muss es auch dem Hotelpersonal ergangen sein. Die Ausstattung der Zimmer ließ vermuten, dass dort länger niemand Gast war. Handtücher mussten erstmal organisiert werden (nicht, dass ich scharf drauf gewesen wäre, die Dusche zu benutzen, aber was muss, das muss). Kein Geschirr, kein ausreichendes Bettzeug, teilweise keine funktionierende Heizung. Haben wir alles schon zuhauf in verrückten Ländern mitgemacht. Und das ist alles cool, wenn du mit dem Rucksack wild herumreist und eh nur zum Schlafen auf das Zimmer gehst. Es ist aber gar nicht cool, wenn du dort zwei Wochen mit zwei kleinen Kindern eingesperrt bist.

Auch die ganze Kommunikation zwischen dem Hotelpersonal und uns musste sich erstmal einstellen. Neben der Personalabteilung involvierten wir auch das Konsulat. Die sollten zumindest mal wissen, wie viele und welche Deutsche sich wo befanden. Unter uns Quarantäne-Deutschen war nämlich auch die 70-Jährige Mutter einer Freundin unserer Compound-Nachbarin. (Irgendwie fanden all solche Infos und Kontakte irgendwann zusammen.) Die sprach kein englisch und hatte zunächst kein Internet, weil sie keine chinesische SIM hatte. Neben der Familie, die mit uns im Bus saß, kannten wir zwei weitere (ein anderer Kollege von Alex mit Familie und eine Freundin von mir mit ihren zwei Kindern) und somit war eine eigene WeChat-Gruppe schnell organisiert. Die war übrigens auch die Rettung. Jede Menge Galgenhumor und Frust fanden darin Platz – vor allem aber organisierten wir uns mit Essensbestellungen und anderen Lieferungen, die zum Glück dreimal täglich, nämlich immer mit den Mahlzeiten, möglich waren.

Sind sie nicht in allen Quarantäne-Hotels. Ein echtes Problem, wenn deine Kinder kein chinesisches Essen mögen. Dann verhungern sie nämlich leider, sobald die mitgebrachten Snacks aufgebraucht sind. Unsere konnten immerhin mit Schokolade, die Freunde vorbeibrachten, Brot und Nutella-Frühstück von noch mehr Freunden und dem bestellten Mc’s-Happy Meal unserer WeChat-Gruppe ruhiggestellt werden. Alles in allem waren es trotzdem sehr, sehr anstrengende Tage. Unsere Mäuse haben sich wirklich tapfer geschlagen. Das mitgebrachte Spielzeug war zum Glück genügend Abwechslung für die paar Tage, die wir dann tatsächlich zu überbrücken hatten. Über pädagogisch sinnvolle Medienzeiten brauchen wir uns an dieser Stelle natürlich auch nicht unterhalten. Der Jetlag und die Reisestrapazen taten ihr Übriges – die zwei haben auch einfach wahnsinnig viel geschlafen.

Nach zwei Tagen Quarantäne war klar: Wir warten auf die Testergebnisse der Fieberpassagiere. Wären die negativ, dürften wir nach Hause. Ein Lichtblick, mehr nicht. Tatsächlich fielen alle sechs genau so aus – und das entgegen aller meiner Prognosen. Eine größere Erleichterung habe ich nie verspürt. Meine Tage waren aber auch noch nie so lang wie in diesem Hotel. Natürlich dauerte es noch über einen halben Tag, den Transport zu organisieren und natürlich wurden wir auch nicht direkt nach Hause gebracht.

Einen weiteren Fiebercheck irgendwo in einem provisorischen Testcenter und weitere Formulare später wurden wir von der Polizei eskortiert ins Compound gefahren.

Hey, scharlachroter Buchstabe! Als wären nicht ohnehin alle Bewohner darüber informiert, wer in welchem Haus unter Quarantäne steht. Und als würde man denjenigen nicht trauen können, dass sie diese auch ohne ständige Kontrolle und Misstrauen beachten würden. Wir waren dennoch super froh, nun endlich zu Hause zu sein. Ich wie vor müssen wir zweimal täglich unseren Temperatur melden und die in einer WeChat-Gruppe melden. Das ist nun aber das kleinste denkbare Übel dieses total überflüssigen aber anekdotenreichen Quarantäne-Abenteuers.

 

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