Es ist Winter in Shanghai und doch haben wir heute milde neun Grad und Sonnenschein. Könnte schön sein, jedoch: Die Sonne sieht man so richtig nicht. Sie kommt nämlich nicht durch. Heute morgen zeigte unsere Luftwerte-App eine violette 209 an. Das zugehörige Symbol ist ein Gesicht mit Gasmaske. Ja. Das Gerät unterstreicht die Feinstaub-Hölle visuell eindeutig.

Und ich kann nach einem Jahr in China sagen: Das ist das einzige, was mir hier richtig auf den Keks geht. Dass man die Luftqualität tracken muss. (Kann mir irgendwer von euch sagen, wie die Luftwerte in Ingolstadt gestern waren? Nee? Genau. Weil wir in Deutschland in der glücklichen Lage sind, uns damit gar nicht beschäftigen zu müssen, so gut sind sie. Aktuelle Diesel-Debatten hin oder her.) Dass die Luft manchmal den Spielplatzbesuch unmöglich macht, obwohl es das perfekte Wetter dafür wäre und die Kinder mir die Bude zerlegen, weil sie dringend einfach mal rennen, klettern, wild sein müssten. Dass in unserem Haus fünf Luftfilter auf voller Pulle vor sich hin pusten, weil ich mal kurz den Mief der letzten Nacht rauslüften wollte und die Fenster fünf Minuten offen hatte.

Und dabei bin ich schon entspannt, was das Thema angeht. Ich gehe nicht bloß bei grünen Werten aus dem Haus. Wie auch, man hat schließlich ein Leben, das geführt werden möchte. Wir haben zwar Masken, aber es müssen schon Werte wie heute sein, damit wir sie benutzen. Und ich habe den Feinstaub zwar im Auge, kontrolliere die Werte aber nicht obsessiv im Stundentakt.

Ich weiß schon – selbstgewähltes Schicksal und überraschend ist das alles ja nun auch nicht. Aber es ist ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man überlegt, herzukommen. Für längere Zeit in China zu leben. Schlechte Luft war der bedeutendste, der schwierigste Punkt auf unserer Contra-Liste.

Aber bei allem Aufregen an Tagen wie heute, muss ich auch sagen: Das Thema ist nicht lebensbestimmend. Ja, es ist nervig. Schlechte Luft ist eine Einschränkung, die wir in unserem normalen Leben so nicht kennen. Aber es ist auch nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Tatsächlich sind die Luftwerte besser, als ich vor unserem Umzug hierher dachte. Es gibt hier Tage mit ebenso guten Werten wie zu Hause. Es gibt sie auch hier, die klare Luft. Und die wirklich schlimmen Tage, so wie heute, die sind nicht der Normalfall. Die sind, wenn der Wind die schmutzige Luft aus dem Norden her weht, oder wenn die Kohlekraftwerke auf Volllast laufen. Im Normalfall ist der Wert in Ordnung – gut genug, um keine Einschränkung für den Tag zu bedeuten. Für die anderen treffen wir eben Vorkehrungen und passen uns mit unseren Vorhaben an. Indoor-Spielplätze eignen sich auch, um die Kinder müde zu kriegen. Und wir sind immerhin in der Lage, Vorkehrungen überhaupt zu treffen. Wir können uns die teuren Luftfilter fürs Zuhause leisten – und überhaupt haben wir ein realistisches Bewusstsein für das Thema, das es uns ermöglicht, uns an miesen Tagen angepasst zu verhalten.

Deshalb lässt sich mit dieser Einschränkung, die schlechte Luft zwangsläufig und definitiv bedeutet, doch relativ problemlos leben. Es sollte auf jeden Fall nicht das eine, das entscheidende Argument gegen einen Chinaaufenthalt sein.

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Für Detailverliebte

So messen wir:

Wir benutzen die Air Visual App von IQ Air, die die Luftwerte für unzählige Städte der Welt misst. Die AQI-Werte reichen von grün (<50) über gelb (<100), orange (<150) und rot (<200) zu violett (>200). Die Berechnung des Air Quality Index reflektiert die Luftbelastung durch sechs Schadstoffe (Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, bodennahes Ozon, Feinstaubpartikel in 10 und in 2.5 Mikrometer Durchmesser). Als Einzelwert behalten wir vor allem letztere im Auge, denn grundsätzlich gilt: Je kleiner die Partikel, desto ungesünder sind sie.

Unser Messgerät im Haus ist ebenfalls von IQ Air und zeigt zwei Werte an: Den der Außenluft, für den es wie auch die App auf die Onlinedaten der Messstationen zugreift. Und zusätzlich den Wert in unserem Haus. Unsere fünf Luftfilter von Blue Air laufen im Grunde durch; sie messen die Werte ihrer Umgebung und springen im entsprechenden Modus bei Bedarf an. Was diese Filtergeräte angeht, gibt es hier einen riesigen Markt innerhalb der Expat-Community, denn jeder, der geht, will seine loswerden und jeder, der kommt, will welche haben. So sind wir auch an unsere gekommen und ich empfehle ehrlich, vor Ort gute gebrauchte zu einem angemessenen Preis zu kaufen, denn die Geräte sind je nach Hersteller zwar unterschiedlich kostspielig, allesamt aber teuer. An diesem Punkt zu sparen kam für uns aber ohnehin nicht in Frage.

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6 Kommentare zu “Winterluft ist miese Luft. Von Mützen und Masken

  1. Dein (wunderbarer) Text hat mich animiert, die Luft in Leipzig zu checken. Ich wusste gar nicht, dass das geht! Und leider verstehe ich null Komma nix von dem, was da auf der Seite unseres Umweltministeriums für heute steht … Aber du hast Recht: Ist auch wurscht. Ich weiß, dass ich hier raus kann. Ohne eine Sekunde nachzudenken. Also: Vielen Dank für deine ehrlichen Worte. Manchmal vergessen wir ja, die selbstverständlichsten Dinge Wert zu schätzen. Du hast mich daran erinnert, mein Mullewapp. <3

    1. Da hast du so Recht! Man wird im Leben hier so häufig mit Dingen konfrontiert, die einem so super selbstverständlich vorkommen. Sind sie aber eben nicht. Ich rette mich über die bösen Tage gerad übrigens mit Kaffee und mächtigem, teuer gekauften Kuchen – und das mach ich eigentlich doch immer nur mit dir!!

  2. Schön, das es hier weiter geht.
    Ja die liebe Luft, das ist in China echt ein Thema, dass man ganz anders schätzen lernt! Wir hatten in Peking auch drei Anlagen von IQ Air in unserm Haus stehen.
    Und ich gebe euch Recht, es sollte kein Grund sein nicht nach China zu gehen, obwohl uns, teilweise bis zu 2 Wochen Smog-Alarm, echt an den Rand der Verzweiflung gebracht haben… weil man es einfach vorher aus Deutschland nicht kennt!
    Ich war da aber auch ängstlicher als meine Frau, vorallem wegen unseres Kindes. Freunde von uns sind mit einem Asthma-Kind wieder zurück gekommen. Bei uns war aber eigtl alles in Ordnung. Ich habe allerdings tatsächlich bei fast jedem Deutschland-Urlaub damals ein paar Tage Luft-Urlaub an der Ostsee angeordnet 🙂 – für mein Gewissen.

    VG Malte
    PS: Merkt ihr was wegen des Corona-Virus, wie ist die Stimmung aktuell? Ich hab aktuell leider keine anderen direkten Quellen mehr im Land 🙂

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