So ein Expatleben klingt für viele wahrscheinlich nach ganz viel Abenteuer – oder nach ganz viel Stress. Tatsächlich ist es aber vor allem eines: Ganz viel Alltag. Denn es ist keine Auszeit, keine Weltreise, die uns streckenweise nach China verschlägt. Es ist unser ganz normales Leben, das wir zwar gerade im Ausland führen, das aber trotzdem mit vielen Pflichten und bekannten Routinen weiterläuft.

Nach einer ersten Zeit des Ankommens und des sich Findens, des Klarkommens und sich Eingroovens, stellte sich die Frage, wie wir diesen Alltag konkret gestalten wollen. Eine der wichtigsten Fragen war die nach der Betreuung der Mäuse. Jette und Jonah sind Kitakids. Beide sind mit einem guten Jahr in die Kita gestartet und wir alle haben uns damit immer wohlgefühlt. Dass Jette hier in den Kindergarten musste, war klar. Keine Fünfjährige (und erst recht keine so aufgeweckte wie unsere) ist ohne gleichaltrige Freunde ausgeglichen. Und auch Jonah sollte in eine Krippe, auch er braucht andere Kinder und die Abwechslung, die eine Kita unserer Meinung nach bedeutet und bietet.

Wir entschieden uns schon während unseres Look and See-Trips für den Kindergarten der Deutschen Schule. Da stimmte das Gefühl. Außerdem wird Jette hier im nächsten Jahr eingeschult werden und der Übergang ins deutsche Schulsystem, in das sie ja mittelfristig zurückgehen wird, sollte möglichst stressfrei funktionieren. Außerdem sollte sie die Möglichkeit haben, gemeinsam mit ihren Kindergartenfreunden in die Schule zu kommen. Noch ein Punkt: Der Deutsche Kindergarten ähnelt in vielen Punkten unserer Kita in Deutschland (Projektarbeit, Portfolio, Dokumentation des Kita-Alltags…), von der wir uns tränenreich verabschiedeten und deren Erzieherinnen wir sehr vermissen.

Jette morgens auf dem Weg zum Gruppenraum. Sie war ein Lavender-Kind.

Es steht uns frei, die Kinder hier alternativ auch an internationalen bzw. bilingualen (in der Regel englisch-/chinesischsprachigen) Einrichtungen unterzubringen. Und ja, Kinder lernen gern und schnell und das „Nebenbei-Erlernen“ einer neuen Sprache ist natürlich großartig. Wir empfinden diesbezüglich aber keinen besonderen Druck; englische und chinesische Grundkenntnisse gewinnen sie auch im Deutschen Kindergarten und unsere Erfahrung ist, dass an Schulen, die sich besonders um eine chinesische Klientel bemühen, schon auf den Kindergartenkindern ein gewisser Druck lastet und wenig Freispielmöglichkeiten bestehen. Das wird bedingt durch die hohe Zahl an gut situierten chinesischen Kindern dort, die früh auf das chinesische Schulsystem vorbereitet werden sollen, in dem es vor allem um Angepasstheit und Leistung geht. Denn diese Kindergärten kosten Geld. Abartig viel Geld.

Wo immer die Interessen unserer Kinder liegen, fördern wir sie mit Freude. Aber ehrlich, wir wünschen uns für sie vor allem eins: Dass sie möglichst lange einfach Kind sein können – und spielen, um spielend zu lernen.

Leider bekamen wir am Deutschen Kindergarten keine Plätze für das laufende Kitajahr und erstmal nur vage Zusagen für September. Tja, das war mies. Die Kids bis September zu Hause zu haben, hätte für keinen von uns funktioniert. Ich habe die ersten drei Monate hier mit den Mäusen ja sehr genossen. Wir haben viele tolle Dinge unternommen und es war wunderbar, Zeit zu verbringen ohne ständige Termine und tägliche Verpflichtungen. Aber neun Monate? Äh, nein. Was also war die Alternative? Da es allen neuen Audi-Familien hier so ging, waren wir eine ganze Horde Ingolstädter Kinder, die sich durch unsere ersten gemeinsam verbrachten Monate hier auch von unzähligen Treffen kannten und sich mochten. Und alle haben wir sie übergangsweise an der Montessori School of Shanghai angemeldet. Und wie es so oft im Leben ist (vor allem in meinem): Man macht sich so viele Gedanken, wägt lange ab, überlegt hin und her, ob das denn nun für die Kinder gut ist, ob sie sich wohlfühlen werden, wie krass die Umstellung ist, wenn sie in einer Einrichtung eingewöhnt werden, um sie mehrere Monate später wieder zu verlassen. Und merkt dann, dass all die Sorgen unnötig waren. Weil die Mäuse so super sind, was neue Situationen und ein neues Umfeld angeht. Weil meine zwei sehr offen und neugierig sind und beide wie selbstverständlich losgelaufen sind und sich irre schnell verständlich machen konnten – obwohl niemand ihre Sprache sprach.

Zahlen lernen am Weltkindertag: Da gab’s nämlich Geschenke.

Was noch toll war an den Monaten an der Montessori? Die lieben, sehr bemühten Erzieherinnen, die aus allen Teilen dieser Welt kamen. Jonahs Erzieherin Lynette aus Botswana, Jettes Jessy aus Indien.

Die Möglichkeit, mit chinesischen Familien in Kontakt zu kommen, was sich sonst als sehr schwierig erweist. (Da sind wir wieder bei der Expatblase. Und der allgegenwärtigen sprachlichen Barriere. „Shanghais obere Zehntausend“ an der Montessori School sprachen natürlich englisch!) Familienausflüge mit irrsten Programmpunkten. Und chinesischen Clowns.

Fröhliche Kinder beim Family Day.

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ganz merkwürdig war an den Monaten an der Montessori? Dass die Montessori-Pädagogik zwar theoretisch im Mittelpunkt stand, in Jettes Gruppe von Drei- und Vierjährigen aber so gut wie kein Spielzeug zur Verfügung stand, abgesehen von Lernspielzeug wie Zählketten oder Buchstaben.

Inzwischen sind beide Mäuse im Kindergarten der Deutschen Schule untergebracht. Wir alle fühlen uns dort sehr wohl und unsere zwei Eingewöhnungsprofis haben auch diese Umstellung super gemeistert. Jette ist stolz, nun eine Vorschülerin zu sein (denn die Fünf- bzw. Sechsjährigen sind hier unter sich) und genießt es, in einem für sie gewohnteren Umfeld ohne Sprachbarrieren zu sein. Jonah ist unser kleiner Marienkäfer und ebenfalls sehr gut angekommen. Er hüpft morgens freudig in seine Kita-Gruppe und verbringt den Tag mit seinen neuen Freunden – und der Elsa-Puppe, die gerad das absolute Lieblingspielzeug ist.

Ein Dreivierteljahr später hat sich nun also endlich ein Alltag eingespielt, der sich gestaltet, wie wir ihn uns vor der Ankunft hier vorgestellt hatten. Lange gedauert hat es ja und mit einigen Planänderungen mussten wir vor Ort auch umgehen. Im Grunde haben aber genau diese Planänderungen so viel Schönes bedeutet und den Kindern eine Bereicherung beschert, von der sie bewusst oder unbewusst für ihr Leben profitieren werden. Diese Planänderungen sind es übrigens, worauf man sich einstellen muss, wenn man sich für ein Leben im Ausland entscheidet. Es gibt immer Dinge, kleine oder große, die plötzlich hochkommen, die anders kommen, als man denkt. Mit denen man umgehen muss, aus denen man das Beste machen muss. Manches davon erscheint einem zunächst wie das allergrößte Drama; das ganze Kita-Thema hat die Zeit bis hierher doch sehr dominiert und mich zeitweilig wirklich gestresst. Und dann aber zu soviel Gutem geführt, zu tollen Erfahrungen und besonderen Erinnerungen. Manchmal ist all der Stress im Vorfeld einfach auch total unnötig. Was sich rückblickend ja so viel leichter sagen lässt.

 

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3 Kommentare zu “Montessori international. Von der chinesischen Kita

  1. Schade!
    Wenn ich mir die Views und Beitrags-Häufigkeit so anschaue ist der Blog wohl leider vergessen und tot 🙁
    Ich persönlich finde richtige Blogs, mit so gut geschriebenen Beiträgen, wie diese hier, einfach viel ansprechender als Fotos mit Hashtags auf Instagram.
    Zumal ich eh kein großer Facebook-Freund bin.

    1. Oh man, Malte, Lob und Arschtritt in einem… Und das von meinem ersten externen Leser 😉 Tatsache ist, der Blog war eine kleine Frühgeburt. Da hab ich einfach ganz schnell ganz viel gewollt – und übersehen, wie krass so ein Anfang in einem fremden Land ist. Und wie viel Energie das zeitweilig raubt. Aber jetzt bin ich dabei, das Baby hier aufzupäppeln. Es wird mit der Zeit hoffentlich ein richtig properes Kind, das auf eigenen Beinen steht. Du hilfst dabei sicher, wenn du doch immer wieder mal vorbeischaust! Und danke für dein Kompliment – die größte Freude für den Schreiberling ist schließlich das Lob seiner Schreibe!

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